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Intermezzo

Eine Nacht im August

Meine Mama und Ivan haben Freunde. Mit diesen Freunden treffen sie sich oft und erfinden Geschichten, basteln schöne, bunte Dinge, mit denen sie dann im Dunkeln auf der Bühne spielen.

Ich finde das schön wenn große Leute spielen. Sie lachen viel, streiten sich auch und zum Schluss zaubern sie zusammen schöne Geschichten und Bilder auf die Bühne. Ich möchte auch so viel Spielen, wenn ich groß bin. Die Bühne ist ein schöner Spielplatz wo ich mich gut verstecken kann. Mama´s Freunde zeigen mir genau wo ich mich so gut verstecken kann, dass ich alles sehe aber niemand mich sieht. Und sie zeigen mir, worauf ich aufpassen muss: die gefährlichen Ecken, die Abgründe, die Stolperfallen, die Dunkelheit, das Licht und den Raum. Auf der Bühne wird das Spielen zu Magie. In der Garderobe werden die Magier wieder zu normalen Menschen.

Es ist Sommer. Ich habe gerade meinen sechsten Geburtstage gefeiert. Mama, Ivan, Ihre Freunde und ich sind in Brünn in einem kleinen Hotel. Nebenan ist ein Kinosaal mit einer Bühne. Tagsüber dürfen sie dort ihre Spiele üben. Proben, nennen sie das. Und draußen in der Sonne im Hof werden die Spielsachen entworfen, hergestellt, repariert – Requisiten, nenne sie das. Ich darf im Hof und im leeren Kinosaal auch spielen, nur nicht mit den großen Leuten. Das ist aber nicht schlimm, denn so habe ich diesen Spielplatz für mich. Auf der Bühne darf ich alles leben und alles sein. Dort bin ich allein und sicher.

Abends werden manchmal Filme auf dieser Bühne gezeigt. Da fährt eine große weiße Leinwand herunter und auf der sehen wir dann größere Bilder als zu Hause im Fernsehen. Eines Abends wird ein schöner Film gezeigt in dem getanzt und gesungen wird. Das sei ein Musical, sagt meine Mama und es heiße My Fair Lady. So möchte ich auch gerne spielen, mit schöner Musik und Tanz. Als wir aus dem Kino kommen, zeige ich meiner Mama, dass ich mir gut gemerkt habe wie sie getanzt und gesungen haben. Alle finden den Film schön und lachen viel auf dem Weg ins Hotel. In der Ferne donnert es ein paarmal. „ Sommergewitter“ sagt jemand. „ Nee… sie sind da“ sagt Ivan.

Am nächsten morgen sind die Straßen leer. Außer Soldaten und Panzerwagen ist niemand draußen. Ich darf auch nicht ins Kino spielen gehen. Wir bleiben alle in einem Hotelzimmer. Mama, Ivan und Ihre Freunde hören Radio, aber da kommt keine Musik. Nur viele Nachrichten. Ich bin neugierig warum ich heute nicht raus gehen darf und im Kino spielen. Ich ziehe den Vorhang am Fenster zur Seite um zu schauen, ob die Soldaten noch da sind.

„Geh vom Fenster weg! Sie schießen auf dich ! “ höre ich jemanden im Zimmer schreien.

Und dann habe ich Angst. Ich habe Angst, weil sie da sind.

 

Foto: Archiv Munzarova

Foto: Familienarchiv Munzarova

Foto: Josef Koudelka / Invasion68


Vorschau Foto: Gedenktafel am Gebäude des Tschechischen Rundfunks, Prag

Kommentare: 1
  • #1

    Angelika Fanai-Nimmesgern (Samstag, 14 November 2020 18:38)

    Was für eine wunderschöne Idee!
    Da würde ich gerne mehr erfahren!�❤️